Wie wir künftig wohnen – und weshalb Gemeinschaft wichtiger wird
Im Interview erklärt Peter Schwehr, Experte für Stadtentwicklung, wie sich unsere privaten Wohnräume verändern – und warum geteilte Flächen dabei eine immer wichtigere Rolle spielen werden.
Peter Schwehr, Sie forschen an der Hochschule Luzern zur strategischen Transformation von Quartieren und Gebäuden. Sprechen wir zuerst über die Ausgangslage: Wie wohnt man heute in der Schweiz?
In den letzten 50 Jahren ging der Trend stark in Richtung Individualisierung: Seit 1970 hat sich die Zahl der Einpersonenhaushalte fast vervierfacht, mit rund 37 Prozent sind sie heute die mit Abstand häufigste Wohnform. Das sind nicht nur Alleinstehende. Auch bei vielen Paaren behalten beide ihre Wohnungen, und die hohe Scheidungsquote von über 50 Prozent trägt ebenfalls dazu bei, dass viele nach einer Trennung alleine in einer grossen Wohnung wohnen und die Kinder nur ab und zu vor Ort sind. Klar ist: Grössere Personenhaushalte sind eher die Ausnahme, zumindest solange wir es uns noch leisten können.
Sind damit auch die Zeiten des Einfamilienhauses vorbei?
Die Schweiz war schon immer ein Land von Mieterinnen und Mietern; der Einfamilienhaus-Traum war also eher eine Verheissung als eine Regel. Die meisten Menschen wohnen hierzulande in Wohnungen. Daran wird sich auch künftig nichts ändern.
Welche weiteren Entwicklungen liessen sich in den letzten 30 Jahren beobachten?
Mit der Zunahme von Einzelhaushalten hat auch die individuelle Wohnfläche pro Person zugenommen: Heute entfallen auf jede Person im Durchschnitt rund 46 Quadratmeter Wohnfläche, 1990 waren es noch 39 Quadratmeter. Gleichzeitig sind die Ansprüche gestiegen: Ein zweites Bad und eine grosse Küche sind heute für viele unverzichtbar.
Geht die Entwicklung so weiter?
Kaum. Die Bevölkerung wächst und damit wird der Wohnraum knapper und teurer. Vor allem in urbanen Gebieten. Gleichzeitig dürfte der Wohlstand abnehmen. Denn durch Automatisierung und KI werden künftig weniger Arbeitskräfte benötigt. Das heisst, die Zeiten der Vollbeschäftigung sind wohl vorbei und der Mittelstand gerät zunehmend unter Druck. In den letzten Jahren, vor allem seit Corona, hat sich zudem eine weitere spannende Entwicklung gezeigt: Eine gute, intakte Nachbarschaft hat wieder an Wert gewonnen. Auch, um der zunehmenden Vereinsamung entgegenzuwirken.
Wären mehr Wohngemeinschaften die Lösung?
Das ist eine mögliche Entwicklung. Die Boomer-Generation zum Beispiel kommt nun ins Pensionsalter und hat viel Erfahrung mit Wohngemeinschaften – eine Generation, die im Alter noch fit genug ist, um die Wohnsituation zu verändern und nochmals einen neuen, aktiven Lebensabschnitt zu beginnen. Hier gibt es schon jetzt erfolgreiche Projekte für das gemeinschaftliche Wohnen älterer Generationen. Vor allem von Wohnbaugenossenschaften, die allgemein spannende Treiber innovativer Wohnformen sind. Viele können sich aber nicht vorstellen, auf eine eigene Küche und ein eigenes Bad zu verzichten, wie es in einer klassischen Wohngemeinschaft der Fall ist. Wahrscheinlicher ist deshalb eine Kombination kleiner Wohnungen mit zusätzlich gemeinschaftlich genutzten Flächen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Solche sogenannten Clusterwohnungen gibt es heute schon, ebenfalls vorwiegend im genossenschaftlichen Umfeld. Das sind meist Ein-, vielleicht Zweizimmerwohnungen mit eigenem kleinem Bad und einer Teeküche. Mehrere solcher Kleinwohnungen zusammen teilen sich dann aber eine grosse Gemeinschaftsküche und ein grosses Wohnzimmer. Das spart Wohnraum und Kosten und kommt dem wachsenden Bedürfnis nach Gemeinschaft entgegen, ohne den für viele heute unverhandelbaren, privaten Rückzugsraum zu gefährden.
Das ist aber vor allem eine Lösung für Einzelpersonen?
In dieser Form ja. Aber die Idee könnte Schule machen und künftig vermehrt auch auf ganze Gebäude angewendet werden: Mehrfamilienhäuser mit vielen verschiedenen Wohneinheiten, mit welchen die individuellen Bedürfnisse für Einzelpersonen, alleinerziehende Elternteile, Familien, ältere Personen usw. abgedeckt werden. Gleichzeitig werden Räume, die nicht zwingend sind, ausgelagert und geteilt. Wieso soll ich ein Gästezimmer für die Schwiegermutter finanzieren, die nur einmal im Jahr zu Besuch ist, wenn ich stattdessen bedarfsmässig eines dazumieten kann? Oder ein Zimmer für das Homeoffice vergeuden, wenn es auch mit einem Platz im Co-Working-Büro geht?
Auch das ein Konzept, das von Wohnbaugenossenschaften schon praktiziert wird. Aber ist das wirklich mehrheitsfähig?
Ganz verschwinden werden natürlich auch klassische Wohnungen oder Einfamilienhäuser nicht. Beide tragen aber nicht wirklich zum ressourcenschonenden und preisgünstigen Wohnen bei, weil sie zu viel Wohnraum pro Person verbrauchen. Und wenn wir uns zumindest einen Teil des gewohnten Luxus, konkret unseres privaten Raumes, weiterhin leisten wollen, werden viele keine andere Wahl haben, als den Wohnraum vor allem in urbanen Gebieten gezielter zu organisieren und gewisse Flächen zu teilen. Das sollten wir auch nicht als Verlust verstehen. Im Gegenteil: Denn gemeinschaftlich kann man sich stattdessen vielleicht eine Küche leisten, in der genug Platz für eine Party ist. Oder einen top ausgestatteten Sportraum, ohne dass ich selbst vollumfänglich dafür aufkommen muss. Und wir wirken der Volkskrankheit der Vereinsamung entgegen, ohne die fortschreitende Individualisierung zu negieren. In diesem Fall ist Suffizienz eine Gewinnstrategie.
Text: Thomas Bürgisser
Prof. Dr. Peter Schwehr
Prof. Dr. Peter Schwehr, TU, SIA
Gründer und Leiter des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur an der Hochschule Luzern Technik & Architektur, Professor mit Forschungsschwerpunkt in der Strategischen Transformation von Gebäuden und Quartieren sowie Honorarprofessor an der TU Berlin im Masterstudiengang Real Estate Management der Fakultät Planen, Bauen, Umwelt.
Kompetenzzentrum Typologie & Planung