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«Wir werden in Zukunft wieder häufiger pendeln»

In welche Richtung entwickelt sich unsere Arbeitswelt? Im Interview erklärt Sozialpsychologe Jakub Samochowiec vom Gottlieb Duttweiler Institut, welche Kompetenzen wichtiger werden und warum Arbeitnehmende wieder einige Freiheiten verlieren könnten.

Jakub Samochowiec, in den letzten Jahrzehnten hat die Arbeitswelt einen riesigen Wandel durchgemacht. Prägend war vor allem die Digitalisierung. Geht es so weiter?

In jüngster Vergangenheit hat sich die digitale Entwicklung durch die künstliche Intelligenz sogar nochmals beschleunigt. Für die Arbeitnehmenden bedeutet dies, dass überfachliche Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Kreativität noch wichtiger werden. Ganz nach dem Motto: Wenn die Maschine auf alles eine richtige Antwort hat, wird es immer zentraler, diese gezielt nutzen zu können und die richtige Frage zu stellen. In diesem Sinne könnte man die bisherigen Entwicklungen einfach weiterzeichnen.

Ganz so einfach ist es aber nicht?

Das gilt eben nur für die Digitalisierung. Die höheren Anforderungen an die Arbeitnehmenden – im Job, aber auch im Privatleben – haben dazu geführt, dass Arbeitgebende vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels gezwungen waren, den Berufsalltag flexibler zu gestalten, um attraktiv zu bleiben. In diesem Bereich schlägt das Pendel bereits heute wieder in die andere Richtung: von viel Flexibilität und Freiheit hin zu mehr Struktur und Kontrolle.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein gutes Beispiel ist Homeoffice: Die Pandemie hat gezeigt, dass vieles sehr gut von zuhause aus funktioniert. Trotzdem haben nun viele Unternehmen begonnen, wieder mehr Präsenz im Büro einzuführen, obwohl es keine klaren Belege dafür gibt, dass wir im Büro produktiver arbeiten. Und ob ein Zwang zu mehr Präsenz den Teamgeist verbessert, ist zumindest fraglich.

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Homeoffice gründet stark auf Vertrauen. Gleichzeitig scheint vielerorts noch immer verankert zu sein: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ein Indiz dafür sind die Kontrollmechanismen, die sich vor allem international bereits vermehrt etablieren, zum Beispiel mit Software, welche die Kontrolle von Tastaturaktivitäten erlaubt.

Für viele Arbeitnehmende sind solche Arbeitsortmodelle wie Homeoffice mittlerweile aber eine Grundlage für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und auch die Wohnorte wurden im Hinblick darauf teilweise weiter weg vom Arbeitsort gewählt.

Wie erwähnt sind solche Freiheiten unter anderem aus dem Fachkräftemangel entstanden. Nun verschieben sich die Kräfteverhältnisse zumindest in manchen Bereichen langsam zugunsten der Unternehmen. Zurückzuführen ist das auf die angespanntere ökonomische Lage, aber auch auf KI: Nicht wenige sehen dadurch ihren Job langfristig bedroht. Diese Verunsicherung reicht bereits, um Verhandlungsmacht zu verlieren. Entsprechend ist es gut möglich, dass wir in Zukunft wieder häufiger pendeln und dafür die Freizeitgestaltung oder Kinderbetreuung überdenken, um das Einkommen nicht zu riskieren, insbesonderevor dem Hintergrund steigender Lebenskosten. Wobei das natürlich ein Balanceakt ist und auch neue Kompetenzen auf Seiten der Unternehmen erfordert: Es geht darum, mehr Steuerung einzuführen und die Arbeitnehmenden gleichzeitig nicht ganz zu verlieren.

Was bedeutet diese Machtverschiebung für neue Arbeitszeitmodelle wie gleitende Arbeitszeiten, Vertrauensarbeitszeit oder die 4-Tage-Woche?

Spannend ist ja, dass die 4-Tage-Woche, bei der man für den gleichen Lohn weniger arbeitet und dennoch die gleiche Leistung erbringt, gemäss vielen Studien zwar funktioniert. Auch unsere Umfragen zeigen, dass viele Menschen mindestens 20 Prozent ihrer Zeit mit unnötigen Tätigkeiten verbringen. Trotzdem hat sich die 4-Tage-Woche bis heute nicht breit durchgesetzt. Die Intuition der Vorgesetzten überwiegt gegenüber der Evidenz, wie bei vielen der neuen Arbeitszeitmodelle. Daneben gibt es Berufe wie etwa die Pflege, bei denen solche Arbeitszeitmodelle schwieriger umzusetzen sind, weil schlicht immer jemand arbeiten muss. Wobei auch hier die Menschen bei kürzeren Arbeitszeiten weniger Absenzen oder Fehler bei der Arbeit aufweisen, sich ein genauer Blick auf Umsetzungsmöglichkeiten also lohnen würde.

Hier wären die Arbeitnehmenden eigentlich im Verhandlungsvorteil, in der Pflege herrscht weiterhin Fachkräftemangel.

Die Pflege ist ein gutes Beispiel dafür, dass Wertschätzung und Lohn nicht nur Resultate von Angebot und Nachfrage sind. Denn Pflegepersonal wird schon lange gesucht, trotzdem musste am Schluss mit der Pflegeinitiative politisch für bessere Arbeitsbedingungen gesorgt werden und selbst da hapert es bei der Umsetzung. Das zeigt, dass viele Faktoren zusammenspielen und Zukunftsprognosen unsicher bleiben. Selbst die KI ist eine grosse Unbekannte: Aktuell haben die Techfirmen vor allem viel investiert, ohne bereits entsprechend daran zu verdienen. Es bleibt also abzuwarten, in welchen Bereichen sich KI tatsächlich durchsetzt und wie stark sie den Arbeitsmarkt beeinflusst. Vielleicht bleibt der KI-Job-Kahlschlag auch aus und es gibt mehr offene Stellen, weil die Babyboomer in Pension gehen. Dann könnte das Pendel allgemein doch wieder in Richtung der Arbeitnehmenden schlagen und Freiheiten wie Homeoffice oder die 4-Tage-Woche könnten wieder greifbarer werden.

 

Dr. Jakub Samochowiec

Jakub Samochowiec

Dr. Jakub Samochowiec

Dr. Jakub Samochowiec ist Senior Researcher und Speaker am Gottlieb Duttweiler Institut. Der promovierte Sozialpsychologe analysiert gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und deren Zusammenspiel.