«Umsteigen muss bequem sein»
Ob Bahn, Bus, Tram oder Auto: der Verkehr in der Schweiz nimmt laufend zu. Das bringt die Infrastruktur an ihre Leistungsgrenzen. Sébastien Rieben zeigt, wie sich der öV weiterentwickeln und leistungsfähiger werden kann.
Die nachgefragte Mobilität nimmt stetig zu. Warum eigentlich?
Gründe dafür sind vor allem das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Ein weiterer Treiber ist der zunehmende Freizeitverkehr: Während die Menschen in der Schweiz zwar weniger häufig pendeln als vor der Pandemie, verreisen sie immer häufiger zu Erholungszwecken. Der Freizeitverkehr macht heute bereits die Hälfte der Fahrten aus und sein Anteil steigt weiter. Diese Entwicklung macht es für die Verkehrsbetriebe schwierig, die Nachfrage zu planen. Denn je nach Wetter oder Grossveranstaltungen können sich die Verkehrsströme kurzfristig ändern.
Zudem hat der Pendler mit der Laptoptasche andere Platzansprüche als der Biker, der mit Sack und Pack quer durch die Schweiz reist. Ein positiver Effekt dieser Entwicklung ist, dass die morgendlichen und abendlichen Pendlerspitzen etwas gebrochen werden: Wer in der Freizeit mit Bahn und Bus fährt, tut das gewöhnlich zu anderen Zeiten als Berufstätige.
Bleiben wir beim Berufsverkehr. Was gibt es hier für Möglichkeiten, den Dichtestress zu entschärfen?
Die Digitalisierung hilft, Strasse und Schiene besser zu nutzen, etwa die Abstände zwischen den Zügen kürzer zu takten. Punktuell braucht es auch einen Ausbau von Strasse und Schiene. Aber besonders viel bringt es, Verkehr und Siedlung besser aufeinander abzustimmen: Wenn neue Quartiere gut an den öV angeschlossen sind, senkt dies das Fahrzeugaufkommen. Als vierten Punkt müssen wir an den Verkehrsdrehscheiben arbeiten.
Was verstehen Sie unter Verkehrsdrehscheiben?
Grundsätzlich ist überall dort eine Verkehrsdrehscheibe, wo man von einem Verkehrsmittel aufs andere umsteigt. Das können Haltestellen, Bahnhöfe oder Park&Ride-Anlagen sein.
Das Ziel muss sein, Menschen auf den öffentlichen Verkehr zu lotsen.
Um dieses Verhalten zu fördern, müssen wir die Verkehrsdrehscheiben optimieren. Der Bund hatte von 2020 bis 2024 zusammen mit Kantonen, Städten und Gemeinden das Bewusstsein für diese Drehscheiben gefördert.
Man muss also unkompliziert vom Auto auf den Zug umsteigen können?
Kurze Wege sind tatsächlich ein wichtiges Kriterium. Dabei sollte das Auto möglichst nah am Wohnort parkiert werden, auf einer ländlichen Park&Ride-Anlage etwa. Es erscheint wenig sinnvoll, dass man von zu Hause aus 60 Kilometer mit dem Auto vor die Stadt fährt, in der man arbeitet, dort das Fahrzeug abstellt und lediglich für die letzten paar Kilometer in die S-Bahn steigt.
Ideal ist, wenn der Löwenanteil des Pendlerwegs im öV zurückgelegt wird. Das ist aber nur attraktiv, wenn die Reise mit möglichst wenig Umsteigen möglich ist. Die Wege müssen kurz und gut signalisiert sein. Das hilft auch für den Fall, wenn jemand mit viel Gepäck unterwegs ist. Bequemlichkeit beim Umsteigen ist Trumpf. Dazu gehört, dass eine Verkehrsdrehscheibe ein Verpflegungsangebot hat und vielleicht einen kleinen Laden anbietet. Und für die Feinverteilung ist es ideal, wenn dort gleich auch ein Mobility-Stellplatz und Publi-Bikes angegliedert sind.
Was sind die wichtigsten Hürden, die man überwinden muss, damit eine Verkehrsdrehscheibe diesen hohen Ansprüchen genügt?
Im eng bebauten Schweizer Mittelland ist der Raum knapp, an Kreuzungspunkten der Verkehrsträger sowieso. Wenn eine Verkehrsdrehscheibe aufgewertet werden soll, geht das häufig auf Kosten bestehender Nutzungen. Erst recht anspruchsvoll wird es, wenn noch Arbeitsplätze, Dienstleistungsbetriebe und Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft der Verkehrsdrehscheibe erstellt werden sollen. Dazu kommt die lange Frist, bis ein solches Bauprojekt umgesetzt ist. Und geht es um eine attraktivere Umgebungsgestaltung, stellt sich gelegentlich die Frage, wer das alles bezahlen soll. Diese Diskussion verzögert die Umsetzung zusätzlich.
Wie kann die Digitalisierung dazu beitragen, das Verkehrswachstum in Schach zu halten?
Während die Verkehrsdrehscheibe uns physisch vernetzt, passiert das bei der Digitalisierung virtuell. Moderne Fahrplanprogramme stellen die ideale Verbindung aller möglichen Verkehrsmittel zusammen. Sie zeigen auch, wo ein Mietvelo steht, und können ein Carsharing-Angebot buchen. Weil damit die Gesamtstrecke schneller zurückgelegt wird, gewinnt der öV an Attraktivität. Wir kombinieren die Verkehrsmittel so, dass wir möglichst schnell und bequem von A nach B gelangen, im Fachjargon nennt man das Multimodalität.
Während der Pandemie glaubte man, das Pendeln sei überholt. War das eine Fehlannahme?
Erstens ist längst nicht in allen Berufen das Homeoffice praktikabel. Aber tatsächlich arbeiten hierzulande Büroangestellte im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent ihres Pensums von daheim aus. Bei uns im Bundesamt für Raumentwicklung geht die Quote sogar in Richtung 50 Prozent. Das führt zu einer beachtlichen Entlastung der Verkehrsinfrastruktur. Allerdings sind Montag, Mittwoch und Freitag besonders beliebte Tage fürs Homeoffice. In der Folge sind Strasse und öffentlicher Verkehr am Dienstag und Donnerstag besonders stark ausgelastet. Hier können auch die Arbeitgeber Einfluss nehmen und für eine ausgeglichenere Verteilung sorgen. Auch das ist eine Massnahme, um die Spitzen in der Verkehrsnutzung zu brechen.
Interview: Pieter Poldervaart
Sebastien Rieben
Sébastien Rieben
Sébastien Rieben ist stellvertretender Leiter der Sektion Mobilität & Internationales beim Bundesamt für Raumentwicklung (ARE).