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Pendeln geht auch ohne Stress

Lange Arbeitswege mag niemand, doch manchmal lässt sich das Pendeln nicht vermeiden. Wer sich bewusst auf die Fahrt zwischen Wohnung und Büro einlässt, wertet die scheinbare Leerzeit auf und gewinnt Lebensqualität und Arbeitsfreude.

Das Büro bestimmt den Alltag von vielen von uns. Doch bis wir morgens dort ankommen, gilt es, den Weg von der Haustür zum Hörsaal oder zum Sitzungszimmer zurückzulegen. Glücklich, wer dafür nur fünf Minuten zu Fuss oder eine kurze Velofahrt braucht. Im Durchschnitt benötigt die Schweizer Bevölkerung hingegen 13,7 Kilometer oder 26 Minuten, um zum Arbeitsplatz zu gelangen. Acht Prozent legen sogar einen Hin- und Rückweg von je über einer Stunde zurück. Und die Distanzen nehmen weiter zu: 71 Prozent der arbeitenden Bevölkerung pendeln nach ausserhalb ihrer Wohngemeinde, berechnete das Bundesamt für Statistik 2022. Das sind zwölf Prozent mehr als noch 1990.

Zwischen der Arbeit und dem Daheim

Wer sich jeden Tag über die Fahrt in der S-Bahn nervt, kommt nicht nur gestresst zur Arbeit, die schlechte Laune überträgt sich auch auf den Job. «Unerfreuliches Pendeln lässt die Arbeit unattraktiv erscheinen und motiviert, sich nach einer neuen Stelle umzusehen», erklärt Jochen Menges, Direktor des Centers for Leadership in the Future of Work an der Universität Zürich. Laut einer US-Studie müsste das Gehalt um 19 Prozent steigen, um die Mühe des Pendelns vollständig auszugleichen. Doch bis man einen neuen Job in näherer Distanz zum Wohnort gefunden hat, macht es Sinn, die langen Wege nicht einfach hinzunehmen, sondern daran zu arbeiten, die notwendige Fahrtzeit angenehmer zu gestalten.

Pendeln ist auch deshalb so unbeliebt, weil man auf diesen Tagesabschnitt kaum Einfluss nehmen kann. Besonders stressig wirkt sich eine zusätzliche Verlängerung des Arbeitswegs aus, wenn etwa eine Baustelle zu einem Umweg zwingt, das Auto im Stau steckt oder der Zug Verspätung hat. Höchste Zeit also, sich zu überlegen, wie man die tägliche Unannehmlichkeit entschärfen kann.

Die Stosszeit als Denkzeit

Dazu muss man sich zunächst fragen, was Pendeln eigentlich ist. Freizeit wohl kaum, denn diese nutzt man, wie man möchte. Viel eher wird Pendeln als Teil der Arbeit betrachtet – schliesslich macht man sich frühmorgens nicht zum Spass auf den Weg. Wer negative Pendelerfahrungen macht, überträgt diesen Frust logischerweise auf die Arbeit. Musik hören und Tagträumen kann zwar angenehm sein, das wirkt als kurzfristige Belohnung und verlängert die Ruhezeit etwas. Aber solche Ablenkungen helfen kaum, sich auf den bevorstehenden Arbeitstag einzustimmen.

«Es ist zentral, das Zeitfenster des Pendelns nicht einfach passiv zu erdulden, sondern selbst zu gestalten und sinnvoll zu nutzen», betont Menges, der sich mit der Entwicklung der zukünftigen Arbeitswelt beschäftigt. Das Zauberwort heisst Selbstkontrolle. Auf den ersten Blick tönt das absurd bei einer derart fremdbestimmten Tätigkeit wie dem Pendeln. Doch tatsächlich hat man es zu einem guten Teil selbst in der Hand, wie man die Zeit zwischen den zwei Welten nutzt. Menges: «Es gilt, den Übergang von daheim zum Büro bewusst als Vorbereitungszeit wahrzunehmen und sich auf den Rollenwechsel einzustellen.»

Auch wenn es manchmal schwerfällt, das Private loszulassen: Es ist hilfreich, auf dem Arbeitsweg nicht die Schulprobleme des Juniors zu wälzen, bis man die Bürotür aufstösst, sondern sich auf die kommenden Aufgaben einzustellen. So lässt sich ein Fehlstart in den Arbeitstag vermeiden. «Umgekehrt sollte man auf dem Heimweg nicht bis zur letzten Minute an der Präsentation für den nächsten Tag feilen, sondern sich auf den Feierabend einstimmen», rät Menges. 

Gut gerüstet ist halb gependelt

Pendeln hat auch deshalb einen schlechten Ruf, weil es eine tägliche Routine ist. Noch schlimmer wird es, wenn der monotone Alltagstrott durch ein negatives Ereignis jäh unterbrochen wird: Das Kind ist krank und muss versorgt werden, draussen schüttet es und der Regenschirm hat sich versteckt, oder am Bahnhof meldet der Lautsprecher, dass der Zug ausfällt. Wer ohnehin schon auf den letzten Drücker in den Arbeitstag startet, den bringen solche Ereignisse komplett aus dem Konzept. Da macht es Sinn, sich an die Ferienreise zu erinnern: Auch hier ist der Vorabendpacker im Vorteil, der nicht noch kurz vor der Abreise nach dem Pass suchen muss. Damit man im Alltag nicht von Unerwartetem aus der Bahn geworfen wird, ist es deshalb klug, sich selbst eine private Routine anzugewöhnen. Das beginnt beim regelmässigen Schlafrhythmus, geht über das Bereitlegen der zu Wetter und Arbeitssituation passenden Kleidung und endet bei der Organisation des Frühstücks. Eine systematische Vorbereitung macht widerstandsfähig gegen die unliebsamen Überraschungen, die der Alltag mit unschöner Regelmässigkeit bereithält.

Trennung auch im Homeoffice

Nicht jedes Pendeln braucht aber eine Belastung zu sein. «Der Arbeitsweg kann auch zur wohltuenden Trennung von Privatem und Erwerbsleben werden», weiss Jochen Menges. Die Studie «Der positive Nutzen des Pendelns» ergab bereits 2001, dass der ideale Arbeitsweg 16 Minuten lang ist. Pendeln kann somit als willkommener Puffer zwischen Arbeit und Privatem dienen. Die vielgehasste Zeit bekommt damit einen Eigenwert. Ein Kapitel in einem Buch zu lesen oder der Tante ein tägliches Mail zu schreiben, bekommt da einen festen Platz. «Studien weisen zudem nach, dass eine solche Trennung zwischen den beiden Rollen Arbeit und Privates auch im Homeoffice Sinn macht», erklärt Menges. Wer den Übergang etwa mit zehn Minuten Sport markiert, ist weniger anfällig für Rollenüberschneidungen und das Dilemma, gleichzeitig seriös zu arbeiten und für die Kinder da zu sein.

 

Text: Pieter Poldervaart

Jochen Menges

Jochen Menges, Direktor des Centers for Leadership in the Future of Work an der Universität Zürich

Jochen Menges

Jochen Menges ist Direktor des Centers for Leadership in the Future of Work an der Universität Zürich.