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Greencity im Fokus: «Nachhaltigkeit funktioniert, wenn sie von Anfang an mitgedacht wird»

Mit dem Modernisierungsprogramm SZU_4.0 investiert die Sihltal Zürich Uetliberg Bahn SZU gezielt in die Zukunft des öffentlichen Verkehrs.

Fotos: Merlin Photography Ltd

Wie eng Infrastruktur und Quartierentwicklung zusammenspielen, zeigt Greencity in Zürich Manegg: eines der ersten grossen 2000-Watt-Areale der Schweiz, das Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Dienstleistungen und Begegnungsräume auf kompaktem Raum vereint. Im Interview gibt Lilia Barkaoui, Projektleiterin Ausführung bei der Losinger Marazzi AG, Einblick in Vision, Umsetzung und Wirkung eines der nachhaltigsten Quartiere der Schweiz.
 
Frau Barkaoui, was ist Ihre Funktion und welche Rolle haben Sie im Projekt Greencity? 

Ich bin als Projektleiterin seitens der Immobilienentwicklerin und Totalunternehmerin Losinger Marazzi für die Ausführung der Infrastruktur und des Hochbaus verantwortlich. Aktuell leite ich den Abschluss des letzten Baufelds im Greencity-Quartier, das Projekt Manegghof – ein Meilenstein, der die Transformation dieses Quartiers endgültig vollendet. 

Greencity begleitet Sie schon lange. Welche Bedeutung hat das Projekt für Sie persönlich? 

Greencity begleitet mich nun seit über 13 Jahren auf meinem beruflichen Weg – und ich empfinde es als aussergewöhnliche Chance, die Entstehung eines acht Hektar grossen, nachhaltigen Quartiers in Zürich als Projektleiterin Ausführung mitprägen zu dürfen. Besonders inspiriert mich die Vision, dass Greencity auf pionierhaften, nachhaltig ausgerichteten Konzepten basiert und diese auch tatsächlich lebt. Es macht mich stolz, Teil dieses Vorzeigeprojekts zu sein. 

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Was zeichnet Greencity im Vergleich zu anderen Quartieren aus?

Greencity ist ein zukunftsweisendes Stadtquartier, das Nachhaltigkeit, Urbanität und Lebensqualität in einzigartiger Weise verbindet. Es setzt Massstäbe, wie nachhaltiges Bauen und Wohnen heute und morgen funktionieren kann – mit 100 Prozent erneuerbarer Energie, durchdachten Mobilitätskonzepten und einer Vielfalt, die allen Generationen und Lebensstilen Raum bietet.

Wie entstand die Idee zu diesem Projekt? 

Nach der Stilllegung der SihlPapier-Fabrik entstand gemeinsam mit der Stadt Zürich und Losinger Marazzi die Vision, das Areal zu einem Vorreiter nachhaltigen Städtebaus zu entwickeln. Der Anspruch: ein Quartier, das komplett mit erneuerbarer Energie versorgt wird, das als Schwammstadt das Regenwasser vor Ort versickern lässt. 

Welche Rolle spielt die SZU bzw. die Sihltalbahn mit der Haltestelle im Quartier? 

Die SZU ist das Rückgrat der nachhaltigen Mobilität in Greencity. Die Haltestelle mitten im Quartier macht den öffentlichen Verkehr für alle Bewohner:innen attraktiv – und ermöglicht eine direkte und schnelle Verbindung ins Stadtzentrum in nur 10 Minuten. 

Wie wurde das Projekt vom Markt angenommen? 

Die Begeisterung für Greencity war sofort spürbar. Das Quartier ist rasch gewachsen und zum Leben erwacht. Besonders an schönen Frühlingstagen sieht man, wie Kinder, Studierende und Berufstätige die öffentlichen Plätze beleben – ein klares Zeichen dafür, dass das Konzept von der Bevölkerung sehr gut angenommen wird. 

Welche gesellschaftlichen Trends haben die Entwicklung von Greencity geprägt? 

Wir beobachten eine starke Nachfrage nach lokaler Lebensqualität, nach weniger Autoverkehr und nach nachhaltigem Umgang mit Energie. Greencity antwortet auf diese Trends und bietet ein Stadtquartier, in dem Nachbarschaft und Umweltbewusstsein gelebt werden, und Alltagsmobilität auch ohne eigenes Auto funktioniert. 

Inwiefern wurde das Quartier als Experimentierfeld verstanden? 

Greencity war von Anfang an als innovatives Experimentierfeld konzipiert, in dem nicht das einzelne Gebäude, sondern das gesamte Quartier im Mittelpunkt steht. Greencity wurde als ganzheitliches Quartier gedacht – nicht als Aneinanderreihung von Einzelprojekten. Das sogenannte «Makro-Denken» hat es ermöglicht, die Energieversorgung, Regenwasserbewirtschaftung, Erschliessung und Nutzung als integriertes System zu betrachten und gemeinsam weiterzuentwickeln. So konnten beispielsweise nachhaltige Konzepte wie die Schwammstadt oder die 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung quartierübergreifend umgesetzt werden. Entscheidend dabei war das enge Zusammenspiel zwischen der Stadt Zürich, der SZU, den Grundeigentümern und allen Fachplanern – nur durch diesen partnerschaftlichen Ansatz konnten wir neue Wege gehen und die Vision von Greencity als Modellquartier verwirklichen. 

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Welche Zielgruppen standen im Fokus?

Greencity richtet sich bewusst an eine vielfältige und bunte Zielgruppe – vom Kind bis zum Senior, von Studierenden bis hin zu Berufstätigen und Familien. Mit unterschiedlichen Wohnformen, gemeinschaftlichen Flächen, attraktiven Spiel- und Erholungsmöglichkeiten und einer starken sozialen Durchmischung bietet Greencity allen Raum und Inspiration. Diese Offenheit ist ein zentrales Element nachhaltiger Stadtentwicklung und macht Greencity zu einem Quartier, das alle willkommen heisst und lebendige Vielfalt fördert.

Wie wurden Nachhaltigkeitsziele messbar definiert und überprüft? 

Um die Ziele systematisch und transparent zu überprüfen, haben wir uns an schweizerischen und international anerkannten Standards orientiert und zahlreiche Zertifizierungen angestrebt und erreicht – darunter die 2000-Watt-Gesellschaft, SNBS 23 Gold und LEED Platinum. Darüber hinaus haben wir bei der Herstellung des letzten Baufelds B6 erstmals die CO2-Emissionen in Erstellung und Betrieb exakt gemessen, ausgewertet und optimiert. Durch kontinuierliches Monitoring und rigorose Dokumentation konnten wir sicherstellen, dass die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele nicht nur formuliert, sondern tatsächlich umgesetzt wurden – zum Beispiel mit einem Fokus auf ein effizientes Design mit klarem Lastabtrag, Leichtbau, unserer Holzfassade, usw. 

Gab es Zielkonflikte zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit? 

Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit waren bei Greencity kein Gegensatz, sondern von Anfang an zwei Seiten derselben Medaille. Alle Akteure – vom Investor über Planer bis zur Stadt – haben frühzeitig die notwendigen Massnahmen für nachhaltiges Bauen ergriffen. So konnten wir von Beginn an proaktiv Lösungen erarbeiten. Diese vorausschauende Herangehensweise hat nicht nur die Wirtschaftlichkeit gesichert, sondern auch ermöglicht, dauerhaft zukunftsfähige und ressourceneffiziente Strukturen zu schaffen. Das zeigt: Nachhaltigkeit lohnt sich, wenn sie von Anfang an Teil der DNA eines Projekts ist. 

Wie wichtig war die bestehende S-Bahn-Anbindung für die Realisierung? 

Die vorhandene S-Bahn-Anbindung war ein entscheidender Erfolgsfaktor für Greencity. Sie hat das Projekt von Anfang an fest in Zürich verankert, dem Quartier eine einzigartige Stadtdynamik verliehen und unseren Investoren einen bestimmten Erfolg zugesichert. Die optimale Lage und direkte Erschliessung haben nicht nur die Bauphase für zahlreiche Beteiligte enorm erleichtert, sondern sie ermöglichen den künftigen Bewohnerinnen und Bewohnern einen bequemen und schnellen Zugang zum Stadtzentrum. Die Anbindung durch die SZU schafft attraktive Alternativen zum motorisierten Individualverkehr und macht den öffentlichen Verkehr zum zentralen Bestandteil des Quartierlebens – ganz im Sinne einer ressourcenschonenden und urbanen Zukunft. 

Wie entwickeln sich Nachbarschaft und Identität im Quartier? 

Die Entwicklung der Nachbarschaft und Quartieridentität ist beeindruckend. Gerade die Genossenschaften prägen das soziale Miteinander und schaffen eine lebendige Gemeinschaft, in der Austausch und gegenseitige Unterstützung gelebt werden. Greencity bietet Raum für Begegnungen – sei es bei gemeinschaftlichen Aktivitäten, auf den Plätzen oder im Austausch zwischen den Generationen. 

Würden Sie heute etwas grundlegend anders machen? 

Natürlich gibt es bei einem Projekt dieser Dimension immer einzelne Aspekte, die man rückblickend anders angehen würde – Grossprojekte sind geprägt von iterativen Prozessen und bieten laufend wertvolle Lernchancen für zukünftige Entwicklungen. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir im Kontext einer Anfang der 2000er gestarteten Entwicklung und angesichts der Grösse von Greencity ein herausragendes Ergebnis erzielt haben. In vielen Bereichen – von der Energieversorgung über die Gestaltung der Schwammstadt bis hin zur sozialen Durchmischung – setzen wir heute Massstäbe. 

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Ist das Modell skalierbar für andere Standorte?

Ja, das Modell Greencity ist auf andere Standorte übertragbar. Die integrativen Ansätze zu nachhaltigem Bauen, sozialer Durchmischung, Mobilität und Quartierleben lassen sich an die jeweiligen lokalen Bedingungen anpassen. Gerade der enge Schulterschluss zwischen Stadt, privaten Partnern und öffentlichen Akteuren sowie die konsequente Orientierung an Nachhaltigkeitszielen bieten eine Blaupause für zukunftsfähige Quartiere überall.

Welche Elemente von Greencity werden in 20 Jahren Standard sein? 

Ich bin überzeugt, dass viele der heute in Greencity realisierten Elemente in naher Zukunft selbstverständlich sein werden. Dazu gehören unter anderem die vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien, die innovative Schwammstadt-Konzeption zur Förderung des natürlichen Wasserkreislaufs und die gezielte Bekämpfung von Hitzeinseln – beispielsweise durch den Einsatz heller, farbloser Asphaltflächen und viel Begrünung. Und nicht zuletzt wird die soziale Durchmischung, also das offene Quartierleben für Menschen aller Lebensphasen und Hintergründe, das Fundament künftiger Stadtentwicklung bilden. 

Was müssen Bahn- und Quartierentwicklungen künftig stärker zusammendenken? 

Die Verbindung von Bahn und Quartierentwicklung muss künftig noch frühzeitiger erfolgen. Bereits in den ersten Planungsphasen sollte die hochwertige Anbindung an den öffentlichen Verkehr mitgedacht werden. Erfolgreiche Quartierentwicklung braucht moderne Verkehrskonzepte – je besser diese Zusammenarbeit gelingt, desto lebendiger und attraktiver werden unsere Städte. 

Wie sehen Sie die Rolle von Verkehrsknotenpunkten als Impulsgeber für neue Wohnformen? 

Verkehrsknotenpunkte sind zentrale Impulsgeber für neue Wohn- und Lebensformen: sie schaffen Zugang, Vernetzung und Begegnung, und ermöglichen urbanes Leben mit nachhaltiger Mobilität. Sie sind mehr als reine Infrastruktur – sie sind Herzstücke lebendiger Quartiere und geben den Takt für die Entwicklung einer modernen, nachhaltigen Stadt. 

Lilia Barkaoui, Projektleiterin Ausführung bei der Losinger Marazzi AG

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Lilia Barkaoui

Lilia Barkaoui ist als Projektleiterin seitens der Immobilienentwicklerin und Totalunternehmerin Losinger Marazzi für die Ausführung der Infrastruktur und des Hochbaus verantwortlich.

©Losinger Marazzi