Die Arbeitswelt verlangt uns heute mehr ab als früher
Mehr Digitalisierung, mehr kognitive Tätigkeiten statt Routine, mehr Flexibilität – und mehr Druck. Unsere Arbeitswelt hat sich in den letzten 30 Jahren elementar verändert.
Wer erinnert sich noch an einen Arbeitstag zur Jahrtausendwende? Im Büro begann er oft mit dem Sortieren der Briefpost. Allenfalls ein Blick ins Mailpostfach – damals kam hier noch nicht viel rein. Dann eine Teamsitzung, verbunden mit dem gemeinsamen Znüni. In handwerklichen Berufen nahm man am Morgen seinen Auftrag für den Tag entgegen und machte sich anschliessend auf den Weg zur Kundschaft. Heute sieht vieles anders aus: Briefpost? Selten. Dafür quillt das Mailpostfach über. Sitzungen sind heute «Meetings» und finden auch im Team oft online statt, damit die Leute im Homeoffice dabei sein können. Und die Elektrikerin oder der Maler unterwegs? Sie haben ihr Smartphone immer griffbereit. Um Pläne nachzuschauen, aber auch um spontan Aufträge entgegenzunehmen.
«Die Digitalisierung hat die Arbeitswelt grundlegend verändert», bestätigt Sozialpsychologe Jakub Samochowiec vom Gottlieb Duttweiler Institut. Mit positiven wie negativen Aspekten. Sie ermöglicht es, den Arbeitsplatz in gewissen Berufen nach Hause zu verlegen – die Coronazeit war hier ein Beschleuniger. Dadurch vergrössert sich das Einzugsgebiet: Wer nicht täglich ins Büro muss, kann auch weiter entfernt wohnen. Gleichzeitig erleichtert sie vielen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denn eine zweite grosse Veränderung sieht Samochowiec in einem gesellschaftlichen Wandel: «Heute gibt es deutlich mehr berufstätige Frauen.» Das bedeutet gleichzeitig, dass Familienmodelle und Partnerschaften neu gedacht werden. Längst sind auch die Männer im Haushalt und in der Kinderbetreuung gefordert. Das führt vermehrt zu Teilzeitarbeit, gleitenden Arbeitszeiten – und eben Homeoffice.
Mehr Dienstleistung, weniger Industrie
Die erforderliche Flexibilität hat aber nicht nur im Privatleben zugenommen, sondern auch im Joballtag. Durch die Digitalisierung sei vieles schnelllebiger geworden, so der Experte: «Mails, Chats und Smartphones vermitteln, dass man ständig erreichbar sein und schnell reagieren muss, inklusive der durch die Digitalisierung vereinfachten Kontrollmöglichkeiten von aussen.» Zudem nimmt uns die Digitalisierung vermehrt einfachere, wiederkehrende Aufgaben ab. Das äussert sich in einem Trend hin zu mehr Jobs im Dienstleistungssektor, während industrielle Tätigkeiten zunehmend automatisiert oder ins Ausland verlagert werden. Und auch in einer erhöhten Komplexität: Multitasking, vernetztes Denken und laufende Weiterbildung gehören für viele heute zum Joballtag.
«Eine Untersuchung von Jobinseraten hat gezeigt, dass überfachliche Kompetenzen wie Selbständigkeit, Sozialkompetenz, kritisches Denken und Kreativität zunehmend gefragt sind», sagt Samochowiec. Auch sei der Anteil von Menschen mit Hochschul- oder Uni-Abschluss in den letzten 30 Jahren gestiegen, «und der Arbeitsmarkt kann diese bis jetzt aufnehmen». Auch spannend: Die Anzahl der Menschen, die sich selbst als Führungskräfte bezeichnen, hat sich zwischen 1991 und 2022 verdreifacht. Das scheint vermehrt zu Frust zu führen: «In einer Umfrage vom Gottlieb Duttweiler Institut klagen Menschen über zu viele Entscheidungen, die von Führungskräften übernommen werden. Dabei spielt vermutlich auch die gestiegene Anzahl Führungskräfte eine Rolle, die als Hindernis wahrgenommen werden, sich selbst einzubringen», so der Experte.
Work-Life-Balance und neue Arbeitsmodelle
Nicht alle können gleich gut mit diesen Veränderungen umgehen. «Ein deutliches Indiz dafür sind Absenzzeiten und Burnouts, die in den letzten Jahrzehnten markant zugenommen haben», sagt Samochowiec, «wobei das nicht allein auf die Arbeitswelt zurückzuführen ist». Inzwischen aber sind sich Arbeitnehmende dieser Risiken eher bewusst, die mentale Gesundheit ist kein Tabuthema mehr, eine gute Work-Life-Balance sowie ein gutes Arbeitsklima sind für viele zentral – und werden auch entsprechend eingefordert. In Zeiten des Fachkräftemangels sahen sich viele Unternehmen deshalb dazu bewogen, umzudenken. Flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice sind ein Teil davon. In den letzten Jahren aber machten auch neue Arbeitsmodelle wie die Holokratie von sich reden. Dabei werden klassische Stellen durch Rollen ersetzt, denen bestimmte Entscheidungsrechte zugeordnet sind. Je nach Projekt werden dann die Kompetenzen flexibel hinzugezogen und Entscheidungen nicht mehr hierarchisch, sondern innerhalb dieser Rollen eigenständig gefällt.
Jakub Samochowiec ist sich nicht sicher, wie sehr sich solche Modelle durchsetzen werden. Einerseits vor dem Hintergrund der inzwischen schwierigeren Ökonomie, wodurch der Zwang für Unternehmen kleiner wird, sich allfälligen Bedürfnissen der Mitarbeitenden anzupassen, und auch die Bereitschaft für Experimente abnimmt. Andererseits, weil sich solche Arbeitsmodelle kaum für alle Unternehmen und Arbeitnehmende eignen, sagt Jakub Samochowiec. «Je mehr Flexibilität, desto komplexer wird die Arbeitswelt auch. Das führt nicht in jedem Fall zu mehr Zufriedenheit, sondern kann auch eine Überforderung sein.» Diese Ambivalenz zwischen Flexibilität und Überforderung gilt übrigens auch für die Digitalisierung. Denn anders als vielleicht vermutet, hat sie keinen Produktivitätsschub zur Folge gehabt. «Dieses Phänomen wird Solow-Paradox genannt: Zwar hat die Produktivität in den letzten 80 Jahren laufend zugenommen – vor der Digitalisierung aber im gleichen Umfang wie danach.» Der promovierte Sozialpsychologe erklärt dies unter anderem damit, dass ein Mail zwar schneller sei als die Briefpost, dafür schreibe man aber öfters – und öfters auch unnötig. Auch Meetings liessen sich online schneller einberufen. Unabhängig davon, ob es sie wirklich brauche.
Dr. Jakub Samochowiec
Dr. Jakub Samochowiec
Dr. Jakub Samochowiec ist Senior Researcher und Speaker am Gottlieb Duttweiler Institut. Der promovierte Sozialpsychologe analysiert gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und deren Zusammenspiel.