«Das Angebot orientiert sich am Bedarf»
Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) plant, koordiniert, finanziert und vermarktet den öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich. Christian Vogt ist verantwortlich für die Verkehrsplanung im ZVV und erläutert, welche Faktoren den öV von morgen beeinflussen.
Der ZVV arbeitet mit dem Kanton Zürich bereits am Dossier «Verkehr 45». Wie sieht der öffentliche Verkehr im Kanton Zürich im Jahr 2045 aus?
Wir planen zwar sehr weit in die Zukunft, aber wir sind natürlich keine Hellseher. Und gerade beim Ausbau der Bahninfrastruktur gibt es zurzeit noch viele offene Fragen. Wir hoffen aber, dass wir dann die «Mehrspur Zürich–Winterthur» in Betrieb haben und der Bahnhof Stadelhofen ausgebaut ist. Dann können wir deutlich mehr und längere Züge auf dem Zürcher Schienennetz anbieten. Und die brauchen wir, wenn wir die steigende Nachfrage abdecken und den Anteil des öV an der Gesamtmobilität steigern möchten.
Bis 2040 soll der öV-Anteil am Gesamtverkehr von heute 32 auf 40 Prozent steigen. Wie sollen die Leute motiviert werden, auf den öV umzusteigen?
Es gibt ein paar Erfolgsfaktoren, die den öV attraktiv machen. Neben Zuverlässigkeit oder einem einfachen Ticketkauf ist der zentrale Punkt sicher das Fahrplan-Angebot, also wann und wie oft fahren Bus, Trams und Züge und wohin? Wenn das Angebot attraktiv genug ist, dann bewegt es die Leute zum Umsteigen. Deshalb soll auch in den kommenden Jahren viel in weitere Verbesserungen der öV-Verbindungen investiert werden.
Starke Effekte in einer Region haben auch grosse Neubau-Projekte bei Tram- und Stadtbahnen. Das haben wir bei der Glattalbahn und bei der Limmattalbahn gesehen. Deshalb sollen in rund fünf Jahren das Tram Affoltern sowie die Glattalbahnverlängerung nach Kloten den Betrieb aufnehmen. Und natürlich braucht es auch einen Ausbau bei der Bahn. Diese bildet das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in der Region.
Für mehr Zugverbindungen braucht es aber auch neue Infrastrukturen, allen voran die beiden Schlüsselprojekte «Mehrspur Zürich–Winterthur» und Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen auf vier Gleise. Da auch im Marktgebiet der SZU die Bevölkerung stark wächst, sind auf ihrem Netz Ausbauten geplant.
Welche Rolle spielt die SZU aus Sicht des ZVV bei der Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs im Kanton Zürich?
Die SZU ist eines der acht marktverantwortlichen Unternehmen des ZVV. Das heisst, die SZU ist in der Region Zimmerberg/Sihltal und Uetliberg das «Gesicht» des öV, mit ihren beiden S-Bahnlinien und mit dem Zimmerbergbus und der Felseneggbahn. Das Angebot im Marktgebiet soll sich auch künftig weiterentwickeln. Insbesondere bei der S-Bahn stehen grosse Projekte an, um künftig in den Hauptverkehrszeiten den Takt weiter zu einem 7,5-Minuten-Takt verdichten zu können. Zusätzlich zum Infrastrukturausbau muss auch die bestehende Infrastruktur unterhalten und modernisiert werden und für die neuen Züge braucht es eine neue Instandhaltungsanlage. Eine spannende und sehr anspruchsvolle Zeit für die SZU.
Wie entstand die Vorgabe für die SZU, einen 7,5-Minuten-Takt einzuführen?
Das Angebot orientiert sich in erster Linie am Bedarf. Es muss auch künftig genügend Kapazität zur Verfügung gestellt werden, damit alle heutigen und künftigen Fahrgäste an ihr Ziel kommen. Eine Taktverdichtung scheint unter Berücksichtigung des Rollmaterials und der Infrastruktur die beste und attraktivste Lösung zu sein.
Der öffentliche Verkehr im Kanton Zürich wird geplant vom ZVV, aber auch von Stadt, Kanton und den Verkehrsunternehmen. Wie ist die Aufgabenteilung zwischen diesen Instanzen?
Die Grundlage liefert das kantonale Personenbeförderungsgesetz: Danach soll der ZVV für den Kanton ein einfach benutzbares öffentliches Verkehrsangebot nach wirtschaftlichen Grundsätzen mit einem einheitlichen Tarif bereitstellen. Natürlich kann der ZVV das nicht alleine. Dafür braucht es die Verkehrsunternehmen, die im Rahmen des Fahrplanverfahrens die konkreten Fahrplankonzepte ausarbeiten und im engen Austausch mit den Gemeinden, Städten und auch der Bevölkerung die bestmöglichen Lösungen finden. Und natürlich braucht das auch Geld, weil der öffentliche Verkehr ist defizitär, d.h. die Kosten sind deutlich höher als die Einnahmen aus den Ticketverkäufen. Der Kanton und die Gemeinden bezahlen als Financiers jedes Jahr über 400 Millionen Franken Steuergelder für die Leistungen der Verkehrsunternehmen und des ZVV.
Bei der Finanzierung fällt immer wieder der Begriff Kostendeckungsgrad. Was bedeutet das und welchen Einfluss hat er auf die Planung?
Der öffentliche Verkehr ist nicht kostendeckend, das vergessen viele Menschen oft. Das heisst, die Ticketpreise sind bereits deutlich subventioniert. Wie hoch die Subvention ist, das legt der Kostendeckungsgrad fest, den der Kantonsrat alle zwei Jahre verbindlich vorgibt. Zurzeit lautet die Vorgabe, dass der Kostendeckungsgrad künftig über 60 Prozent bleiben soll. Das bedeutet, dass wir bei Angebotsausbauten natürlich schauen müssen, dass auch eine genügende Nachfrage besteht. Gleichzeitig haben wir aber auch einen gesetzlichen Auftrag, den gesamten Kanton mit öV zu erschliessen. Hier muss man also eine Balance finden.
Wie passt sich der öV einer Gesellschaft an, in der Menschen immer flexibler unterwegs sind?
Da muss man klar sagen: Der öV funktioniert dort sehr gut, wo sich die Nachfrage bündeln lässt, das heisst viele Leute mit einem Fahrzeug transportiert werden können. Das spart auch unheimlich viel Platz im Vergleich zur Fortbewegung mit dem Auto oder auch mit dem Velo. Und Platz hat man vor allem in den Städten und Agglomerationen immer weniger. Ich bin davon überzeugt, dass dies auch künftig die grosse Stärke des öV sein wird. Schwieriger wird es, individuelle Mobilitätsbedürfnisse abzudecken. Da braucht es vielleicht andere Ansätze als den klassischen öV.
Welche Rolle spielen denn neue Mobilitätsformen wie Trottinetts, E-Bike und Carsharing-Angebote in der Verkehrsplanung des ZVV?
Die sogenannte Shared Mobility bietet flexible Weiterreisemöglichkeiten und fördert ein multimodales Reiseverhalten. Im Vergleich mit der öV-Nachfrage sind die Anteile mit 0.5% jedoch sehr gering. Sie sind somit eine punktuelle Ergänzung und «runden» das Gesamtangebot ab. Beim Velo beobachten wir zudem eine sehr ausgeprägte Jahresganglinien, d.h. im Winter und bei schlechtem Wetter wird das Velo deutlich weniger häufig benützt und die Nachfrage im öV steigt entsprechend an. Der öV ist also das Auffangbecken und muss immer bereit sein.
Zum Schluss: Was fasziniert Sie persönlich an der Verkehrsplanung?
Ich erachte es als ein Privileg, zusammen in meinem Team und unseren Partnern aktiv die Zukunft des öV, und somit auch unseres Kantons und der Gesellschaft gestalten zu dürfen. Die Gesellschaft ist sowohl heute als auch in naher Zukunft mobil, und der öffentliche Verkehr ist für viele Bedürfnisse die Lösung.
Christian Vogt